Wie sicher bist du dir, dass die Menschen in deinem Umfeld ihr wahres Gesicht zeigen?
Drei lange Jahre kämpfte Saskia für die Wahrheit. Obwohl sie endlich Antworten hat, bleibt die wichtigste Frage offen: Was ist mit Leo? Hat er den Absturz überlebt? Bedeutet
das etwa, dass er nie ganz ehrlich zu ihr war? Oder was sollte ihn dazu veranlassen, nicht wieder zu ihr zu finden?
Saskias Verlangen nach ihm wird immer größer. Sie ahnt nicht, in welchen Abgrund sie sich und ihre Familie damit stürzen könnte ... Denn das Böse schläft nie.
Kapitel 1
Melissa
Freitag, 21. Juni 2013
Melissas Herz raste. Seit Wochen grübelte sie, ob sie etwas unternehmen sollte, hatte sich nun endlich dazu durchgerungen und jetzt, wo es ernst wurde, fühlte es sich doch falsch an.
Als sie ihn zum ersten Mal nach langer Zeit wiedergesehen hatte, hatte sie ein wenig Neid gespürt. Sie war ein Krüppel, ein seelisches Wrack, aber er? Er hatte die Tür des Buchladens, in dem sie
eine Lesung gehalten hatte, mit einem breiten Lächeln aufgedrückt und nur so vor Glück gestrotzt.
Gemustert hatte sie ihn. Von oben bis unten. Sie hatte nicht glauben können, was sie gesehen hatte. Denn es war so anders als das, was ihr jeden Tag im Spiegel begegnete.
Doch je länger sie sich an jenem Tag mit ihm unterhalten hatte, desto schneller hatte sie festgestellt, dass von dem Menschen, den sie einst kennengelernt hatte, nicht mehr viel übrig geblieben
war.
Heute früh am Küchentisch hielt sie es nicht mehr aus. »Wieso? Wieso tust du es nicht einfach?«, platzte es aus ihr heraus.
»Du verstehst es nicht«, raunte er.
»Was gibt es denn da nicht zu verstehen? Willst du nicht dein altes Leben zurück?«
Er verdrehte die Augen.
»Ja, ich weiß, das sagt die Richtige und so. Aber im Ernst, ich kann mir das nicht mehr länger anschauen!«
»Was hast du vor?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, aber ich lasse nicht zu, dass du wegen eines gebrochenen Herzens draufgehst.«
»Es ist okay, Meli.«
»Nichts ist okay! Rein gar nichts ist okay!«
Sofort zog sich eine Gänsehaut über beide Körper. Diesen Satz hatte sie schon einmal ausgesprochen.
Er wandte den Blick von ihr ab und vertiefte sich in sein Handy.
»Hey, wir waren gerade mitten in einer Unterhaltung!«, wurde sie wütend. »Aber ich bin Generation Handy oder was?«
Sie stützte sich am Tisch ab, um aufzustehen, und wanderte zu ihm herüber. »Himmelherrgott! Du bist ein freier Mensch! Hör auf, dich den Forderungen eines grenzenlosen Vollidioten zu
unterstellen!«
»Du bist so naiv wie sie.«
Jetzt reichte es ihr. Sie schlug ihm das Handy aus der Hand und befahl ihm, ihr direkt in die Augen zu schauen. Irgendwie muss ich ihn doch endlich wachrütteln! »Ich erinnere dich an sie. Fein.
Ich bin so naiv wie sie. Fein. Und noch eins haben wir gemeinsam: Wir brauchen dich beide!«
Er stöhnte, weil sie ihm damit regelrecht auf die Nerven ging. »Ich habe es dir oft genug erklärt, oder?« Er wich ihrem strengen Blick aus und deutete an, den Tisch abzuräumen.
»Jetzt lass es gut sein und hör mir zu!«
»Meli, ich weiß, dass du dich irgendwie bei mir bedanken willst, mir irgendetwas Gutes tun möchtest.«
Sie nickte.
»Dann hör bitte auf, über sie zu reden. Okay?«
»Nö!« Ich wollte ihm das nicht zeigen, aber ich muss das jetzt tun! Melissa nahm ihr Handy, öffnete die Galerie und spielte ihm ein Video ab. »Wenn du dich weiter von ihm drangsalieren lassen
möchtest, nur zu. Aber sie wird sich bald selbst zerstören, wenn du nichts daran änderst!«
Sie wusste nicht, ob ihre Worte ihn irgendwie getroffen hatten. Jedenfalls war er danach aufgesprungen, hatte ein paar Sachen zusammengepackt und ruckartig das Haus verlassen.